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Hallgarten, Charles L.

Hallgarten, Charles (eigentl.: Karl) Lazarus. Bankier. Philanthrop. * 18.11.1838 Mainz, † 19.4.1908 Ffm.
Erste Schuljahre in Mannheim. 1851 wanderte H. mit seinen Eltern und Geschwistern nach Amerika aus. Dort, in New York, gründete der Vater das Bankhaus Hallgarten & Co., in das H. 1868 als Teilhaber eintrat. Die Bank betrieb vor allem die Finanzierung bedeutender Bau- und Eisenbahnprojekte und war neben den Bankhäusern Lehmann und Schiff an einem großen Finanzkonsortium zur Sanierung des amerikanischen Eisenbahnwesens beteiligt. H. lernte hier das auf privater Initiative beruhende amerikanische Wohltätigkeitswesen kennen. Vermutlich steckte er sich auf einem seiner Streifzüge durch die Elendsviertel in New York, die er unternahm, um Hilfe für die Armen zu suchen, mit der Schwindsucht an. Das New Yorker Klima zwang den Lungenkranken, 1875 nach Europa zurückzukehren. Nach Kuren in Sizilien, an der Riviera und am Genfer See ließ H. sich 1877 in Ffm. nieder, wo er, weiterhin Teilhaber der New Yorker Bank, fortan als Privatier lebte.
H. widmete sich hier in großem Stile wohltätigen Bestrebungen aller Art. Zunächst trat er als Pfleger in den Israelitischen Hilfsverein ein, wo man bald sein hervorragendes Organisationstalent erkannte und ihn in den Vorstand, später zum Vorsitzenden wählte. In den folgenden Jahren traten immer mehr gemeinnützige Vereinigungen an H. mit der Bitte um Mitarbeit heran. Unermüdlich engagierte er sich für philanthropische Bestrebungen. Sein im Lauf der Zeit von New York nach Ffm. transferiertes Millionenvermögen setzte er selbstlos für soziale, kulturelle und politisch-demokratische Belange in der Stadt, aber auch weit über die Stadt hinaus ein. Besonders bemühte er sich um die Jugend-, Mütter- und Säuglingsfürsorge, die Verbesserung der Armen- und Krankenpflege, die Hebung der Wohnverhältnisse sowie den Ausbau des Volksbildungswesens. Als enger Freund von Oberbürgermeister Adickes gehörte er zu den Mitbegründern des Sozialen Museums, förderte dann vor allem auch den Aufbau der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften und deren Ausbau zur Universität; so stiftete er u. a. 200.000 Mark zur Errichtung einer therapeutischen Anlage in der künftigen Universitätsklinik. Die Stadtbibliothek (heute UB Ffm.) verdankt H. wertvolle Americana und Judaica, darunter 170 Werke synagogaler Musik. H. war Gründer bzw. Mitbegründer zahlreicher sozialer Institutionen, so der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen (1890) und der „Centrale für private Fürsorge“ (1899) sowie des Instituts für Gemeinwohl, der Gesellschaft für Wohlfahrtseinrichtungen, des „Vereins für die Idiotenanstalt“ (Kalmenhof) in Idstein, des Vereins Kinderschutz für entlassene Hilfsschüler, des Vereins für Kinderhorte, des Vereins Jugendwohl, des Ffter Vereins Mutterschutz, des Hauspflegevereins, des Asylvereins für Obdachlose, des Vereins zur Bekämpfung der Tuberkulose, des Ausschusses für Volksvorlesungen, des Rhein-Mainischen Verbands für Volksvorlesungen u. v. a. Förderer des Vereins Reichswohnungsgesetz, des Verbands für Wohnungsreform, des Ffter Armenvereins, der Witwen- und Waisenkasse des Ffter Stadttheaters, des Rhein-Mainischen Volkstheaters, des Ffter Frauenbildungsvereins, des Frauen-Rechtsschutzvereins, des Freien Deutschen Hochstifts, des Museums für Kunsthandwerk sowie der Gewerkschaftsbewegung in Ffm. Seit 1886 Mitglied des Waisen- und Armenamts. In seinen Wohltätigkeitsbestrebungen überkonfessionell orientiert, kümmerte sich H. jedoch auch in besonderem Maße um in Bedrängnis geratene jüdische Glaubensgenossen; seine Fürsorge galt etwa den infolge der Pogrome von 1905 verfolgten Juden und Jüdinnen im Osten. Vorsitzender des Gumpertz’schen Siechenhauses und des Almosenkastens der Israelitischen Gemeinde. Mitbegründer der Ffter Loge B’nai B’rith und des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus; daneben Förderer zahlreicher jüdischer Organisationen internationaler Prägung. Gründer der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler und Mitbegründer des Museums jüdischer Altertümer in Ffm. Mäzen vieler Künstler, u. a. Förderer Pfitzners.
Zeit seines Lebens amerikanischer Staatsbürger geblieben, lehnte H. alle Auszeichnungen ab, die ihm aus dem kaiserlichen Deutschland, aber auch aus dem Ausland zuteilwurden. Doch bei dem Trauerzug zu seiner Beerdigung (auf dem Jüdischen Friedhof Rat-Beil-Straße) säumten mehr als 20.000 Menschen die Straßen und zollten so dem großen Philanthropen ihre Anerkennung.
H.s ältester Sohn, der Chemiker Fritz H. (1865-1925), setzte das philanthropische Lebenswerk des Vaters fort und widmete sich insbesondere der Kranken- und Kriegsfürsorge sowie der Förderung der Ffter Universität. Der Sohn Robert H. (1870-1924), der als Arzt in München lebte, ehrte den Vater mit einer Biographie (1915).
Zum 100. Todestag 2008 Ausstellung „Ein Amerikaner in Ffm.“ in der UB Ffm.
H.straße im Gebiet des von der Aktienbaugesellschaft für kleine Wohnungen errichteten Nordendblocks. Charles-H.-Schule (bis 2008: H.schule), eine Förderschule, früher im Nordend, jetzt am Bornheimer Hang. Am Platz der alten, 2003 abgerissenen H.schule auf dem heutigen Gelände der „Fft. University of Applied Sciences“ im Nordend befindet sich seit 2010 der unter Verwendung von Schmucksteinen des alten Schulgebäudes gestaltete „H.-Hof“.

Artikel aus: Frankfurter Biographie 1 (1994), S. 298f., verfasst von: Sabine Hock.
Dieser Artikel wurde noch nicht abschließend für das Frankfurter Personenlexikon überarbeitet.

Lexika: Müller: Stiftungen 1958, S. 127.
Müller, Bruno: Stiftungen für Ffm. Ffm. 1958.
| Arno Lustiger in: Schiebler, S. 339-344.
Schiebler, Gerhard: Jüdische Stiftungen in Ffm. Stiftungen, Schenkungen, Organisationen und Vereine mit Kurzbiographien jüdischer Bürger (...). Hg. v. Arno Lustiger im Auftrag der M. J. Kirchheim’schen Stiftung in Ffm. Ffm. 1988, Nachdr. Sigmaringen 1994.
Literatur: Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. III, S. 173-175.
Arnsberg, Paul: Die Geschichte der Ffter Juden seit der Französischen Revolution. Hg. v. Kuratorium für Jüdische Geschichte e. V., Ffm. Bearb. u. vollendet durch Hans-Otto Schembs. 3 Bde. Darmstadt 1983.
| Brentzel: Anna O. – Bertha Pappenheim 2002, S. 296f.
Brentzel, Marianne: Anna O. – Bertha Pappenheim. Biographie. Göttingen 2002.
| Eckhardt/Eckhardt: Meta Quarck-Hammerschlag 2016, bes. S. 72f.
Eckhardt, Dieter/Eckhardt, Hanna: Ich bin radical bis auf die Knochen. Meta Quarck-Hammerschlag. Eine Biographie (...). [Ffm. 2016.]
| Emrich: Bildnisse Ffter Demokraten 1956, S. 23-25 (m. Abb. auf S. 76).
Emrich, Willi: Bildnisse Ffter Demokraten. Ffm. 1956.
| Ffter Bildnisse 1910, Nr. 8.
Lafrenz, Hans (Text)/Krauth, A. (Fotografien): Ffter Bildnisse. Eine Sammlung von Portraits Ffter Persönlichkeiten. Bd. 1. Ffm. 1910.
| Hallgarten, George: Als die Schatten fielen 1969, S. 19-23.
Hallgarten, George Wolfgang Felix: Als die Schatten fielen. Erinnerungen vom Jahrhundertbeginn zur Jahrtausendwende. Berlin/Ffm./Wien 1969.
| Hallgarten, Robert: Charles L. Hallgarten 1915.
Hallgarten, Robert: Charles L. Hallgarten. Ffm. 1915.
| Hansert: Städelscher Museums-Verein 1994, S. 37, 42.
Hansert, Andreas: Geschichte des Städelschen Museums-Vereins Ffm. Hg. vom Vorstand des Städelschen Museums-Vereins. Ffm. 1994.
| Schembs, Hans-Otto: Philanthrop und Reformer. Charles Hallgarten (1838-1908). In: Hering (Hg.): Jüd. Wohlfahrt 2007, S. 214-223.
Hering, Sabine (Hg.): Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien. 2., durchges. u. erw. Aufl. Ffm. 2007. (Schriften des Arbeitskreises „Geschichte der Jüdischen Wohlfahrt in Deutschland“ 2).
| Heuberger (Hg.): Ein Amerikaner in Ffm. Charles Hallgarten 2008.
Heuberger, Rachel (Hg.): Ein Amerikaner in Ffm. Der Mäzen und Sozialreformer Charles Hallgarten (1838-1908). Begleitbuch zur Ausstellung aus Anlass des 100. Todestages in der Ffter Universitätsbibliothek, 9. April bis 6. Juni 2008. Ffm. 2008. (Ffter Bibliotheksschriften 14).
| Lustiger (Hg.): Charles Hallgarten 2003.
Lustiger, Arno (Hg.): Charles Hallgarten. Leben und Wirken des Ffter Sozialreformers und Philanthropen. Mit Beiträgen von Jens Friedemann, Arno Lustiger, Hans-Otto Schembs und Ulrich Stascheit. Ffm. 2003. (Edition Allianz Dresdner Bauspar AG 6).
| Schembs: Jüd. Mäzene u. Stifter 2007, S. 76-78.
Schembs, Hans-Otto: Jüdische Mäzene und Stifter in Ffm. Hg. v. d. Moses Jachiel Kirchheim’schen Stiftung. Mit einer Einführung von Hilmar Hoffmann. Ffm. [Copyright 2007].
| Seng: Freies Deutsches Hochstift 2009, S. 79, 97f., 162, 173, 175, 207f.
Seng, Joachim: Goethe-Enthusiasmus und Bürgersinn. Das Freie Deutsche Hochstift – Ffter Goethe-Museum 1881-1960. Göttingen 2009.
| Wenzel/Kößling/Backhaus (Hg.): Jüd. Fft. 2020, S. 102.
Wenzel, Mirjam/Kößling, Sabine/Backhaus, Fritz (Hg.): Jüdisches Fft. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Fft. München 2020.
Quellen: Lustiger, Arno: Als Schatzmeister vieler Vereine beglich er das Defizit. Charles Hallgarten, ein Sozialreformer, dessen Andenken in Fft. kaum gepflegt wird. In: FAZ, 22. 3. 1985, S. 47.
Ffter Allgemeine Zeitung. Ffm. 1949-heute.
| ISG, S2/427.
ISG, Dokumentationsmappe in der Sammlung S2 (mit Kleinschriften, Zeitungsausschnitten und Nekrologen zu einzelnen Personen und Familien).

GND: 116412615 ( Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek ).

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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Hallgarten, Charles L.. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/2484.


Stand des Artikels: 9.7.1989

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