Alfred Jachmann
Fotografie (in Privatbesitz).
© Max Jachmann.
Jachmann, Alfred. Pflegemanager.
* 12.7.1927 Arnswalde, † 24.7.2002 Ffm.
Die Familie von J. stammte aus Arnswalde in der preußischen Provinz Brandenburg (ab 1938 Provinz Pommern). Sohn des Fellhändlers Leopold J. (1894-1944) und dessen Ehefrau Selma, geb. Leiser (1896-1943). Die Eltern und Schwester Gerda Herta J. (1925-1943) wurden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ermordet. Verheiratet in zweiter Ehe (seit 1954) mit Margrit J., geb. Silberstein, Krankenschwester. Ein Sohn aus erster Ehe: Max J., Friseur.
J. entstammte einem traditionell jüdischen Haushalt. Die Familie wurde 1939 gezwungen, Arnswalde zu verlassen. Übersiedlung nach Berlin, wo J. ab 1942 Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten musste. Deportation der Familie im Februar 1943 nach Auschwitz. Gemeinsam mit seinem Vater wurde J. zur Zwangsarbeit bei der IG Farben im Lager Buna-Monowitz eingesetzt. Der Vater überlebte nicht. Flucht beim Todesmarsch im Frühjahr 1945 und Befreiung durch Rotarmisten. J. kehrte im November 1945 nach Berlin zurück und nahm eine Ausbildung als Koch am Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße auf, die er 1947 abschloss. Bis 1960 war er als Wirtschaftsleiter der Jüdischen Gemeinde Berlin für Krankenhaus, Altersheim und Kindergarten zuständig.
Am 1.1.1961 übernahm J. in Ffm. die Leitung des Altenheims der Jüdischen Gemeinde. Über drei Jahrzehnte prägte er den Alltag im Heim, dessen Bewohnerinnen und Bewohner er immer als Familie betrachtete. Bei seinem Dienstantritt war das Altenheim der Jüdischen Gemeinde noch in den Altbauten des früheren Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße untergebracht. Zusammen mit Gemeindedirektor Israel Kornat (1913-2007) sowie den Vorstandsmitgliedern Ignatz Bubis (1927-1999) und Ignaz Lipinski (1907-1979) setzte sich J. für einen Neubau des Altenheims ein. Von 1973 bis 1978 wurde das moderne Altenzentrum, bestehend aus Altenheim, Pflegestation, Reha-Abteilung mit Bewegungsbad, Altenwohnungen und Synagoge, errichtet. Gebaut wurde das Altenzentrum nach Plänen von Architekt Hermann Zvi Guttmann (1917-1977). Der Neubaukomplex an der Bornheimer Landwehr bietet Platz für mehr als 300 Bewohner.
J. charakterisierte das Altenzentrum retrospektiv als „altes jeckisches Haus“, das in den Nachkriegsjahrzehnten hauptsächlich von Holocaust-Überlebenden deutscher Herkunft bewohnt wurde. Im Altenzentrum gab es ein vielfältiges soziales und kulturelles Leben. Vorträge über jüdische Geschichte fanden ebenso statt wie Konzerte und das jährliche Sommerfest. Regelmäßig zu Gast war der Berliner Oberkantor Estrongo Nachama (1918-2000), der die Heimbewohnerinnen und -bewohner mit seinem synagogalen Gesang begeisterte. Die jüdischen Feiertage werden bis heute festlich begangen.
1995 wurde J. nach 34 Dienstjahren pensioniert. In einem Interview mit der Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Susanna Keval resümierte er seine Arbeit für die Gemeinde: „Ich habe kein Angestelltenverhältnis mit der Jüdischen Gemeinde gesehen, für mich war es mein Lebensinhalt. Für diesen Lebensinhalt bin ich der Jüdischen Gemeinde dankbar. Das war eine Arbeit, die nach Auschwitz mein Leben lebenswert gemacht hat, neben meiner Familie.“
Im Rahmen der Voruntersuchungen zum ersten Ffter Auschwitz-Prozess hatte J. Aussagen über Verbrechen der SS und der IG Farben im Konzentrationslager Monowitz gemacht. Das Vernehmungsprotokoll vom 2.2.1960 wird im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden aufbewahrt. Seit seiner Pensionierung war J. als Zeitzeuge in Schulen aktiv. In Vorträgen und Podiumsdiskussionen unterstrich er immer wieder die Mitschuld der Funktionäre und Angestellten der IG Farben an der Misshandlung und Ermordung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der NS-Zeit. J. war Mitglied im „Rat der Überlebenden“ des Fritz Bauer Instituts.
1978 Bundesverdienstmedaille. 1992 Römerplakette der Stadt Ffm. 1995 Ehrensiegel in Silber der Jüdischen Gemeinde Ffm.
Beigesetzt auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Ffm.
J. entstammte einem traditionell jüdischen Haushalt. Die Familie wurde 1939 gezwungen, Arnswalde zu verlassen. Übersiedlung nach Berlin, wo J. ab 1942 Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten musste. Deportation der Familie im Februar 1943 nach Auschwitz. Gemeinsam mit seinem Vater wurde J. zur Zwangsarbeit bei der IG Farben im Lager Buna-Monowitz eingesetzt. Der Vater überlebte nicht. Flucht beim Todesmarsch im Frühjahr 1945 und Befreiung durch Rotarmisten. J. kehrte im November 1945 nach Berlin zurück und nahm eine Ausbildung als Koch am Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße auf, die er 1947 abschloss. Bis 1960 war er als Wirtschaftsleiter der Jüdischen Gemeinde Berlin für Krankenhaus, Altersheim und Kindergarten zuständig.
Am 1.1.1961 übernahm J. in Ffm. die Leitung des Altenheims der Jüdischen Gemeinde. Über drei Jahrzehnte prägte er den Alltag im Heim, dessen Bewohnerinnen und Bewohner er immer als Familie betrachtete. Bei seinem Dienstantritt war das Altenheim der Jüdischen Gemeinde noch in den Altbauten des früheren Krankenhauses der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße untergebracht. Zusammen mit Gemeindedirektor Israel Kornat (1913-2007) sowie den Vorstandsmitgliedern Ignatz Bubis (1927-1999) und Ignaz Lipinski (1907-1979) setzte sich J. für einen Neubau des Altenheims ein. Von 1973 bis 1978 wurde das moderne Altenzentrum, bestehend aus Altenheim, Pflegestation, Reha-Abteilung mit Bewegungsbad, Altenwohnungen und Synagoge, errichtet. Gebaut wurde das Altenzentrum nach Plänen von Architekt Hermann Zvi Guttmann (1917-1977). Der Neubaukomplex an der Bornheimer Landwehr bietet Platz für mehr als 300 Bewohner.
J. charakterisierte das Altenzentrum retrospektiv als „altes jeckisches Haus“, das in den Nachkriegsjahrzehnten hauptsächlich von Holocaust-Überlebenden deutscher Herkunft bewohnt wurde. Im Altenzentrum gab es ein vielfältiges soziales und kulturelles Leben. Vorträge über jüdische Geschichte fanden ebenso statt wie Konzerte und das jährliche Sommerfest. Regelmäßig zu Gast war der Berliner Oberkantor Estrongo Nachama (1918-2000), der die Heimbewohnerinnen und -bewohner mit seinem synagogalen Gesang begeisterte. Die jüdischen Feiertage werden bis heute festlich begangen.
1995 wurde J. nach 34 Dienstjahren pensioniert. In einem Interview mit der Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Susanna Keval resümierte er seine Arbeit für die Gemeinde: „Ich habe kein Angestelltenverhältnis mit der Jüdischen Gemeinde gesehen, für mich war es mein Lebensinhalt. Für diesen Lebensinhalt bin ich der Jüdischen Gemeinde dankbar. Das war eine Arbeit, die nach Auschwitz mein Leben lebenswert gemacht hat, neben meiner Familie.“
Im Rahmen der Voruntersuchungen zum ersten Ffter Auschwitz-Prozess hatte J. Aussagen über Verbrechen der SS und der IG Farben im Konzentrationslager Monowitz gemacht. Das Vernehmungsprotokoll vom 2.2.1960 wird im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden aufbewahrt. Seit seiner Pensionierung war J. als Zeitzeuge in Schulen aktiv. In Vorträgen und Podiumsdiskussionen unterstrich er immer wieder die Mitschuld der Funktionäre und Angestellten der IG Farben an der Misshandlung und Ermordung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der NS-Zeit. J. war Mitglied im „Rat der Überlebenden“ des Fritz Bauer Instituts.
1978 Bundesverdienstmedaille. 1992 Römerplakette der Stadt Ffm. 1995 Ehrensiegel in Silber der Jüdischen Gemeinde Ffm.
Beigesetzt auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Ffm.
Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Fedor Besseler.
Literatur:
Jachmann, Alfred: „Wir durften nur die Abteile für Hunde und Traglasten benutzen“. In: Amthor u. a. (Hg.): Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte 2002, S. 45-69.
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Heenen-Wolff: Im Land der Täter 1994, S. 224-239.
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Besseler, Fedor: „Gib uns nicht preis in den Tagen unseres Alters“. Vom Provisorium zum modernen Alten- und Pflegeheim (1945-1995). In: Jüd. Gemeinde Ffm. (Hg.): Altenzentrum d. Jüd. Gemeinde Ffm. 2024, S. 30-47.
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Keval, Susanna/Jachmann, Alfred: Die Entwicklung der Altenpflege in Fft. In: Jüd. Museum Ffm. (Hg.): Jüd. Gemeinde Ffm. 1998, S. 152-155.
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Renz, Werner: Nachruf auf Alfred Jachmann. In: Newsletter d. Fritz Bauer Instituts 11 (2002), Nr. 23, S. 21.
Quellen:
Zeugenaussage von Alfred Jachmann in den Akten zum ersten Auschwitz-Prozess, 2. 2. 1960, in: HLA, Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Ffm., Best. 461 Nr. 37638/26.
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ISG, Fürsorgeamt 4. 055 (Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde Ffm.: Allgemeines, 1970-76).
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ISG, S2/9. 658.
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JMF, Interview von Susanna Keval mit Alfred Jachmann, 10. 6. 1998 (auf VHS-Kassette).
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Alfred Jachmann und „seine Familie“. In: Jüd. Gemeindezeitung Fft. 24 (1991), Nr. 3 (März/April), S. 21.
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Ehrensiegel für Alfred Jachmann. In: Jüd. Gemeindezeitung Fft. 28 (1995), Nr. 2 (Juni/Juli), S. 9.
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Jubiläum und Abschied von Direktor Alfred Jachmann. In: Jüd. Gemeindezeitung Fft. 28 (1995), Nr. 1 (März/April), S. 29.
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Seliges Angedenken an Alfred Jachmann. In: Jüd. Gemeindezeitung Fft. 35 (2002), Nr. 3 (September), S. 55.
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Landesarchiv Berlin, Entschädigungsakten, Sign. B Rep. 025-05: 15165/59 bis 15170/59.
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Maaß, Winfried: Ein deutsches Trauerspiel. In: Stern 33 (1980), Nr. 10, 28. 2. 1980, S. 120-142.
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Zentralarchiv zur Erforschung d. Geschichte d. Juden in Deutschland, B. 1/13, Nr. 2202.
Internet:
Altenzentrum d. Jüd. Gemeinde Ffm., 2.10.2024.
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Jüd. Pflegegeschichte, 2.10.2024.
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Visual History Archive der USC Shoah Foundation, 2.10.2024.
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Zwangsarbeit in Berlin, 2.10.2024.
GND: 1146702450 ( Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek ).
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Empfohlene Zitierweise: Besseler, Fedor: Jachmann, Alfred. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/13928.
Stand des Artikels: 3.10.2024
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 10.2024
Monatslieferung: Neuerscheinungen vom 10. Oktober 2024.