Adolf Miersch
Fotografie.
© Institut für Stadtgeschichte, Ffm. (Sign. S7P Nr. 9948).
Miersch, Adolf. Verwaltungsbeamter. Kommunalpolitiker.
* 13.4.1887 Gelnhausen, † 13.12.1955 Ffm.
Nach eigenen Angaben besuchte M. die Verwaltungsschule und bildete sich als Landratsgehilfe durch „Selbstunterricht“ weiter; ansonsten ist über seine Ausbildung und entsprechende Qualifikationen bemerkenswert wenig bekannt. Von 1904 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war er beim Militär. Nach seiner Entlassung 1919 wurde er Verwaltungsdirektor beim Kreisausschuss Hanau, wo er von 1922 bis 1924 auch Geschäftsführer der Bau- und Siedlungsgesellschaft Hanau Land war. Von 1926 bis zur Eingemeindung nach Ffm. am 1.4.1928 hatte M. das Amt des Bürgermeisters von Fechenheim inne. Er wurde dann als Magistratsrat (später Obermagistratsrat) ins Siedlungsamt der Stadt Ffm. übernommen und gehörte zu den Stellvertretern von Ernst May.
Nach einer kurzen Festsetzung und Überprüfung im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme musste sich M., der von 1919 der DDP angehört hatte und noch 1933 bei Kommunalwahlen für die Nachfolgeorganisation „Staatspartei“ angetreten war, um 1936/37 gegen Vorwürfe wehren, die der Regierungsbaumeister Carl Bilger erhob: M. hätte das besondere Vertrauen von Oberbürgermeister Ludwig Landmann genossen und wäre an den „Massen-Siedlungen Mays“ maßgeblich beteiligt gewesen. Zu seiner Verteidigung gab M. an, schon seinerzeit die unwirtschaftliche Bauweise und das „Feldhaftige“ der Siedlungen bekämpft zu haben. Als persönlichen Erfolg verbuchte er die (vorläufige) Verhinderung der Gartenstadtsiedlung Goldstein. M., der nicht der NSDAP beitrat, behielt seine Position als Dienststellenleiter der Abteilung Wohnungsbauförderung. Nach eigener Aussage hat er als Obermagistratsrat im Liegenschaftsamt persönlich die Verhandlungen bei der „Arisierung“ von Immobilien aus jüdischem Besitz durch Verkauf an die Stadt Ffm. geleitet; so unterschrieb er von städtischer Seite u. a. 1938 den Kaufvertrag über das Haus Buchenrode von Arthur von Weinberg und war nach dem Krieg mit der Restitution desselben Anwesens befasst. Auf Anordnung des amtierenden Bürgermeisters Wilhelm Hollbach, der sich schon ab Mai 1945 für eine Rückgabe der Immobilien einsetzte, die die Stadt Ffm. in der NS-Zeit im Zuge der „Arisierung“ erworben hatte, erstellte M. ab Ende Juni 1945 eine Liste „Haus- und Grunderwerb der Stadtgemeinde Ffm. von Juden seit 30. Januar 1933“, die er am 11.7.1945 Hollbachs Nachfolger Kurt Blaum vorlegte; die in den Magistratsakten überlieferte Liste verzeichnet 170 einzelne Häuser und Grundstücke, die die Stadt Ffm. in der Zeit vom 20.4.1936 bis zum 30.11.1942 aus jüdischem in ihren Besitz gebracht hat. Auf Anregung der Stadtverordnetenversammlung vom November 2018 soll die „Miersch-Liste“ zum Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Studie zur systematischen Erforschung der „Arisierung“ von Grundbesitz durch die Stadt Ffm. werden, was auch die bisher noch ausstehende grundlegende Untersuchung und gültige Einordnung von M.s Rolle in der NS-Zeit aus historischer Sicht zur Folge haben könnte.
Im September 1945 wurde M. zum hauptamtlichen Beigeordneten (Stadtrat) ernannt und war seitdem Dezernent für das Tiefbauamt, ab 1954 auch für das Hochbauamt. Als Leiter der städtischen Bauverwaltung war M. nach dem Zweiten Weltkrieg eine der maßgeblichen Kräfte für den zügigen Ffter Wiederaufbau unter technisch-funktionalen Gesichtspunkten, etwa bei Wiederherstellung und Ausbau der Verkehrswege unter Durchsetzung der Straßendurchbrüche in der Innenstadt, was ihm den Beinamen „Napoleon der Fluchtlinien“ einbrachte. Seine bahnbrechende Idee – die Stadt aus ihrem eigenen Trümmerschutt neu zu errichten – wurde in der von ihm ins Leben gerufenen Trümmerverwertungsgesellschaft (TVG) weitgehend ohne Rücksicht auf erhaltene historische Bausubstanz verwirklicht und als Vorbild beim Wiederaufbau vieler deutscher Städte übernommen. M.s Tätigkeiten für Ffm. unterstreichen die Kontinuität stadtplanerischer Vorstellungen aus dem Wirkungskreis des „Neuen Fft.“ bis in die 1950er Jahre.
Seit 1954 Senior des Allgemeinen Almosenkastens.
Schriften: „Gebäudeschäden, Baubedarf, Baulenkung in Ffm.“ (1946), „Fft. bei der Ausbesserung“ (in: Die neue Stadt, 1947), „Bauen für die Zukunft“ (in: Adressbuch der Stadt Ffm., 1953), „Ffm. – eine Stadt im Grünen“ (Geleitwort, 1954), „Aufbau der Städte: Ffm.“ (in: Der Städtetag, 1955).
1954 Ehrenbürger der Ffter Universität.
Ehrengrabstätte auf dem Ffter Südfriedhof (Gewann B/adM 269a).
Nachlass im ISG.
Adolf-M.-Siedlung und Adolf-M.-Straße in Niederrad.
Nach einer kurzen Festsetzung und Überprüfung im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme musste sich M., der von 1919 der DDP angehört hatte und noch 1933 bei Kommunalwahlen für die Nachfolgeorganisation „Staatspartei“ angetreten war, um 1936/37 gegen Vorwürfe wehren, die der Regierungsbaumeister Carl Bilger erhob: M. hätte das besondere Vertrauen von Oberbürgermeister Ludwig Landmann genossen und wäre an den „Massen-Siedlungen Mays“ maßgeblich beteiligt gewesen. Zu seiner Verteidigung gab M. an, schon seinerzeit die unwirtschaftliche Bauweise und das „Feldhaftige“ der Siedlungen bekämpft zu haben. Als persönlichen Erfolg verbuchte er die (vorläufige) Verhinderung der Gartenstadtsiedlung Goldstein. M., der nicht der NSDAP beitrat, behielt seine Position als Dienststellenleiter der Abteilung Wohnungsbauförderung. Nach eigener Aussage hat er als Obermagistratsrat im Liegenschaftsamt persönlich die Verhandlungen bei der „Arisierung“ von Immobilien aus jüdischem Besitz durch Verkauf an die Stadt Ffm. geleitet; so unterschrieb er von städtischer Seite u. a. 1938 den Kaufvertrag über das Haus Buchenrode von Arthur von Weinberg und war nach dem Krieg mit der Restitution desselben Anwesens befasst. Auf Anordnung des amtierenden Bürgermeisters Wilhelm Hollbach, der sich schon ab Mai 1945 für eine Rückgabe der Immobilien einsetzte, die die Stadt Ffm. in der NS-Zeit im Zuge der „Arisierung“ erworben hatte, erstellte M. ab Ende Juni 1945 eine Liste „Haus- und Grunderwerb der Stadtgemeinde Ffm. von Juden seit 30. Januar 1933“, die er am 11.7.1945 Hollbachs Nachfolger Kurt Blaum vorlegte; die in den Magistratsakten überlieferte Liste verzeichnet 170 einzelne Häuser und Grundstücke, die die Stadt Ffm. in der Zeit vom 20.4.1936 bis zum 30.11.1942 aus jüdischem in ihren Besitz gebracht hat. Auf Anregung der Stadtverordnetenversammlung vom November 2018 soll die „Miersch-Liste“ zum Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Studie zur systematischen Erforschung der „Arisierung“ von Grundbesitz durch die Stadt Ffm. werden, was auch die bisher noch ausstehende grundlegende Untersuchung und gültige Einordnung von M.s Rolle in der NS-Zeit aus historischer Sicht zur Folge haben könnte.
Im September 1945 wurde M. zum hauptamtlichen Beigeordneten (Stadtrat) ernannt und war seitdem Dezernent für das Tiefbauamt, ab 1954 auch für das Hochbauamt. Als Leiter der städtischen Bauverwaltung war M. nach dem Zweiten Weltkrieg eine der maßgeblichen Kräfte für den zügigen Ffter Wiederaufbau unter technisch-funktionalen Gesichtspunkten, etwa bei Wiederherstellung und Ausbau der Verkehrswege unter Durchsetzung der Straßendurchbrüche in der Innenstadt, was ihm den Beinamen „Napoleon der Fluchtlinien“ einbrachte. Seine bahnbrechende Idee – die Stadt aus ihrem eigenen Trümmerschutt neu zu errichten – wurde in der von ihm ins Leben gerufenen Trümmerverwertungsgesellschaft (TVG) weitgehend ohne Rücksicht auf erhaltene historische Bausubstanz verwirklicht und als Vorbild beim Wiederaufbau vieler deutscher Städte übernommen. M.s Tätigkeiten für Ffm. unterstreichen die Kontinuität stadtplanerischer Vorstellungen aus dem Wirkungskreis des „Neuen Fft.“ bis in die 1950er Jahre.
Seit 1954 Senior des Allgemeinen Almosenkastens.
Schriften: „Gebäudeschäden, Baubedarf, Baulenkung in Ffm.“ (1946), „Fft. bei der Ausbesserung“ (in: Die neue Stadt, 1947), „Bauen für die Zukunft“ (in: Adressbuch der Stadt Ffm., 1953), „Ffm. – eine Stadt im Grünen“ (Geleitwort, 1954), „Aufbau der Städte: Ffm.“ (in: Der Städtetag, 1955).
1954 Ehrenbürger der Ffter Universität.
Ehrengrabstätte auf dem Ffter Südfriedhof (Gewann B/adM 269a).
Nachlass im ISG.
Adolf-M.-Siedlung und Adolf-M.-Straße in Niederrad.
Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Jörg Schilling/Sabine Hock.
Artikel in: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 55, verfasst von: Reinhard Frost.
Literatur:
Jörg Schilling in: AFGK 75 (2016): Akteure des Neuen Fft., S. 154f.
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Fleiter/Picard: Fft. in den 50er Jahren 2016, S. 56f.
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Hansert: Bürgerkultur u. Kulturpolitik 1992.
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Müller-Raemisch: Stadtentwicklung u. Planungsgeschichte 1998, S. 163f.
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Seng: Freies Deutsches Hochstift 2009, S. 505, 536, 553f.
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Stemmler: Ehrenbürger u. Ehrensenatoren an der Univ. Ffm. 2012, S. 116f., 162; vgl. auch S. 58, Anm. 213.
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Wesp: Villa Kennedy 2017, S. 129-133, 136f., 193, 215-217.
Quellen:
Verzeichnis „Haus- und Grunderwerb der Stadtgemeinde Ffm. von Juden seit 30. Januar 1933“, angefertigt von Adolf Miersch auf Anordnung des amtierenden Bürgermeisters, 11. 7. 1945. In: ISG, MA 9. 797. Das auch „Miersch-Liste“ genannte Verzeichnis, das die „Arisierung“ jüdischen Immobilienbesitzes durch die Stadt Ffm. in der NS-Zeit dokumentiert, ist auf den Internetseiten des ISG als Digitalisat online verfügbar unter: https://www. stadtgeschichte-ffm. de/de/archivbesuch/archivschaetze/themen-a-z/nationalsozialistisches-unrecht-und-wiedergutmachung/auflistung-durch-die-stadt-frankfurt-im-nationalsozialismus-arisierter-immobilien-vom-11-juli-1945 (abgerufen am 29. 6. 2020).
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ISG, PA 2. 134, 18. 002, 18. 003 u. 93. 128.
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Nachlass: ISG, S1/297.
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ISG, S2/829.
Internet:
Ffm. 1933-1945, 21.7.2022.
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Hess. Biografie, 3.5.2017.
GND: 1026655528 ( Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek ).
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Empfohlene Zitierweise: Frost, Reinhard/Schilling, Jörg/Hock, Sabine: Miersch, Adolf. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/535.
Stand des Artikels: 29.6.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 05.2017
Monatslieferung: Neuerscheinungen vom 10. Mai 2017.