„Königin der Leica“.
Ilse Bing im Jahr 1986
© Barbara Klemm, Frankfurt am Main.
Bing, Ilse, verh. Wolff. Fotografin.
* 23.3.1899 Ffm., † 10.3.1998 New York.
B. entstammte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Ffm. Sie war die Tochter von Ludwig, gen. Louis, B. (1852-1926) und dessen Ehefrau Johanna Elly, gen. Anna, geb. Katz (1873-1942); die Mutter unterhielt eine Pension. Die Familie, zu der noch eine Schwester B.s gehörte, lebte säkular: „Ich bin aufgewachsen in einem Haus, wo die Feiertage dazu benutzt wurden, dass man die Schule schwänzen konnte und dass man neue Kleider bekam und gutes Essen“, erklärte B. später in einem Interview. (Zit. nach Koelbl: Jüd. Portraits 1989, S. 25.)
Zum Beruf der Fotografin fand B. über Umwege. Nach dem Besuch der Ffter Elisabethenschule und der Schillerschule studierte sie zunächst Mathematik und Physik, später Kunstgeschichte in Ffm. und Wien. Ein Dissertationsprojekt über den deutschen Baumeister Friedrich David Gilly (1772-1800) brach sie ab. Ende der 1920er Jahre beschäftigte sich die Autodidaktin mit Architekturfotografie und dokumentierte Projekte des „Neuen Bauens“ in Ffm., besonders das Henry und Emma Budge-Altersheim von Mart Stam und Werner Moser. „Ich bin nicht Fotografin geworden, sondern ich war es einfach“, sollte sie 1992 erklären (in einem Interview mit Antonia Lerch für deren Filmporträt von B., 1993). Ihre Aufnahmen publizierte sie regelmäßig in der Zeitschrift „Das Illustrierte Blatt“; das neue Arbeitsinstrument war jetzt eine bald berühmte 35-mm-Kleinbildkamera: die Leica. „Ich fühlte, wie diese kleine Kamera eine Verlängerung meines Auges wurde und sich mit mir umher bewegte, mit ihr konnte ich die Dinge lebendiger werden lassen.“ (Ebd.) In dieser Zeit hielt B. engen Kontakt zu der Malerin, Fotografin und Regisseurin Ella Bergmann-Michel (1895-1971) sowie deren Ehemann Robert Michel (1897-1983). Die Familie mit zwei Kindern lebte auf dem Land, in der Schmelzmühle bei (Eppstein-)Vockenhausen, und zählte bekannte Avantgarde-Künstlerinnen und -Künstler zu ihrem Freundeskreis.
Bereits 1930 ging B. nach Paris; in Ffm. fühlte sie sich nach eigenen Worten „zu eingeengt“. In der französischen Hauptstadt machte sie sich mit Auftragsreportagen für Zeitschriften wie „Le Monde Illustré“, „Le Document“, „Arts et Métiers Graphiques“, „Paris Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ rasch einen Namen. Zu ihren künstlerischen Vorbildern zählte damals u. a. der ungarische Fotograf André Kertész (1894-1985). Gerne wählte B. für ihre Fotografien ungewöhnliche Perspektiven; und sie experimentierte mit Aufnahmen bei besonderen Lichtverhältnissen (bei Nacht oder Regen) und im Labor mit der Technik starker Überbelichtung, der Solarisation. Auf ihrem berühmten „Selbstporträt“ von 1931 inszenierte sie sich halb verborgen hinter der Kamera; in einem Spiegel sieht der Betrachter ihr Profil. B. realisierte eigene Ausstellungen in Frankreich und Deutschland; später folgte ihre Teilnahme an viel beachteten Gruppenausstellungen in New York und Paris. Der französische Kritiker und Fotograf Emmanuel Sougez (1889-1972) bezeichnete sie als „Königin der Leica“. 1937 heiratete B. den aus Deutschland emigrierten Pianisten und Musikhistoriker Konrad Wolff (1907-1989). Das lukrative Angebot einer Festanstellung beim neuen Magazin „Life“ in New York lehnte sie seinerzeit ab.
Im Zweiten Weltkrieg fand die so vielversprechend begonnene Karriere vorläufig ein jähes Ende. Nach der Besetzung Frankreichs durch Truppen der deutschen Wehrmacht im Juni 1940 wurden B. und ihr Ehemann verhaftet und in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen verschleppt. Es folgten zehn Wochen Gefangenschaft unter elendsten Bedingungen. Nach der Entlassung mussten die Eheleute in Marseille monatelang auf ein Ausreisevisum warten, bevor sie sich 1941 per Schiff via Trinidad nach New York retteten. B.s Mutter war es hingegen nicht mehr gelungen, aus dem Deutschen Reich zu fliehen. Die 69-jährige Witwe wurde am 18.8.1942 gewaltsam aus Ffm. in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie zwei Tage später starb.
In den USA konnte B. nicht mehr an ihre künstlerische Produktivität der Vorkriegszeit anknüpfen. Nach intensiven Experimenten mit der Rolleiflex-Kamera und mit Farbaufnahmen (statt, wie bisher, der Schwarz-Weiß-Fotografie) gab sie Ende der 1950er Jahre das Metier ganz auf; das Zeitalter der modernen Fotografie betrachtete sie allgemein als beendet. Künftig widmete sie sich Texten, Collagen und dem Zeichnen (u. a. „Words as Visions“, Logogramme, 1974). Zur Bestreitung des Lebensunterhalts nahm sie Hunde in Pflege. Erst ab etwa 1975 wurden B. und ihr fotografisches Werk in den USA und auch in der Bundesrepublik Deutschland langsam wiederentdeckt.
Eine lebenslange Freundschaft verband B. mit der Christdemokratin Elisabeth Schwarzhaupt; beide kannten sich aus der Ffter Schulzeit. Regelmäßig informierte die bundesdeutsche Politikerin ihre Freundin in den USA über wichtige lokalpolitische Ereignisse. Schwarzhaupt trug mit dazu bei, die in ihrer Heimatstadt nahezu vergessene B. und ihre Arbeiten wieder bekannter zu machen. So informierte sie 1976 die Bibliotheken über B.s Neuerscheinung „Numbers in images“, eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Mathematik, und warb für den Ankauf des Buches. Auf Schwarzhaupts Anregung präsentierte die Ffter Heussenstamm-Stiftung drei Jahre später eine kleine Ausstellung der Fotografin.
Stolperstein für die Mutter Anna B. vor dem Haus Kronberger Straße 28 im Westend.
Konvolut von Zeichnungen von B. aus deren Nachlass im HMF.
Ilse-B.-Straße im Stadtviertel Riedberg.
Zum Beruf der Fotografin fand B. über Umwege. Nach dem Besuch der Ffter Elisabethenschule und der Schillerschule studierte sie zunächst Mathematik und Physik, später Kunstgeschichte in Ffm. und Wien. Ein Dissertationsprojekt über den deutschen Baumeister Friedrich David Gilly (1772-1800) brach sie ab. Ende der 1920er Jahre beschäftigte sich die Autodidaktin mit Architekturfotografie und dokumentierte Projekte des „Neuen Bauens“ in Ffm., besonders das Henry und Emma Budge-Altersheim von Mart Stam und Werner Moser. „Ich bin nicht Fotografin geworden, sondern ich war es einfach“, sollte sie 1992 erklären (in einem Interview mit Antonia Lerch für deren Filmporträt von B., 1993). Ihre Aufnahmen publizierte sie regelmäßig in der Zeitschrift „Das Illustrierte Blatt“; das neue Arbeitsinstrument war jetzt eine bald berühmte 35-mm-Kleinbildkamera: die Leica. „Ich fühlte, wie diese kleine Kamera eine Verlängerung meines Auges wurde und sich mit mir umher bewegte, mit ihr konnte ich die Dinge lebendiger werden lassen.“ (Ebd.) In dieser Zeit hielt B. engen Kontakt zu der Malerin, Fotografin und Regisseurin Ella Bergmann-Michel (1895-1971) sowie deren Ehemann Robert Michel (1897-1983). Die Familie mit zwei Kindern lebte auf dem Land, in der Schmelzmühle bei (Eppstein-)Vockenhausen, und zählte bekannte Avantgarde-Künstlerinnen und -Künstler zu ihrem Freundeskreis.
Bereits 1930 ging B. nach Paris; in Ffm. fühlte sie sich nach eigenen Worten „zu eingeengt“. In der französischen Hauptstadt machte sie sich mit Auftragsreportagen für Zeitschriften wie „Le Monde Illustré“, „Le Document“, „Arts et Métiers Graphiques“, „Paris Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ rasch einen Namen. Zu ihren künstlerischen Vorbildern zählte damals u. a. der ungarische Fotograf André Kertész (1894-1985). Gerne wählte B. für ihre Fotografien ungewöhnliche Perspektiven; und sie experimentierte mit Aufnahmen bei besonderen Lichtverhältnissen (bei Nacht oder Regen) und im Labor mit der Technik starker Überbelichtung, der Solarisation. Auf ihrem berühmten „Selbstporträt“ von 1931 inszenierte sie sich halb verborgen hinter der Kamera; in einem Spiegel sieht der Betrachter ihr Profil. B. realisierte eigene Ausstellungen in Frankreich und Deutschland; später folgte ihre Teilnahme an viel beachteten Gruppenausstellungen in New York und Paris. Der französische Kritiker und Fotograf Emmanuel Sougez (1889-1972) bezeichnete sie als „Königin der Leica“. 1937 heiratete B. den aus Deutschland emigrierten Pianisten und Musikhistoriker Konrad Wolff (1907-1989). Das lukrative Angebot einer Festanstellung beim neuen Magazin „Life“ in New York lehnte sie seinerzeit ab.
Im Zweiten Weltkrieg fand die so vielversprechend begonnene Karriere vorläufig ein jähes Ende. Nach der Besetzung Frankreichs durch Truppen der deutschen Wehrmacht im Juni 1940 wurden B. und ihr Ehemann verhaftet und in das Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen verschleppt. Es folgten zehn Wochen Gefangenschaft unter elendsten Bedingungen. Nach der Entlassung mussten die Eheleute in Marseille monatelang auf ein Ausreisevisum warten, bevor sie sich 1941 per Schiff via Trinidad nach New York retteten. B.s Mutter war es hingegen nicht mehr gelungen, aus dem Deutschen Reich zu fliehen. Die 69-jährige Witwe wurde am 18.8.1942 gewaltsam aus Ffm. in das Durchgangs- und Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie zwei Tage später starb.
In den USA konnte B. nicht mehr an ihre künstlerische Produktivität der Vorkriegszeit anknüpfen. Nach intensiven Experimenten mit der Rolleiflex-Kamera und mit Farbaufnahmen (statt, wie bisher, der Schwarz-Weiß-Fotografie) gab sie Ende der 1950er Jahre das Metier ganz auf; das Zeitalter der modernen Fotografie betrachtete sie allgemein als beendet. Künftig widmete sie sich Texten, Collagen und dem Zeichnen (u. a. „Words as Visions“, Logogramme, 1974). Zur Bestreitung des Lebensunterhalts nahm sie Hunde in Pflege. Erst ab etwa 1975 wurden B. und ihr fotografisches Werk in den USA und auch in der Bundesrepublik Deutschland langsam wiederentdeckt.
Eine lebenslange Freundschaft verband B. mit der Christdemokratin Elisabeth Schwarzhaupt; beide kannten sich aus der Ffter Schulzeit. Regelmäßig informierte die bundesdeutsche Politikerin ihre Freundin in den USA über wichtige lokalpolitische Ereignisse. Schwarzhaupt trug mit dazu bei, die in ihrer Heimatstadt nahezu vergessene B. und ihre Arbeiten wieder bekannter zu machen. So informierte sie 1976 die Bibliotheken über B.s Neuerscheinung „Numbers in images“, eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Mathematik, und warb für den Ankauf des Buches. Auf Schwarzhaupts Anregung präsentierte die Ffter Heussenstamm-Stiftung drei Jahre später eine kleine Ausstellung der Fotografin.
Stolperstein für die Mutter Anna B. vor dem Haus Kronberger Straße 28 im Westend.
Konvolut von Zeichnungen von B. aus deren Nachlass im HMF.
Ilse-B.-Straße im Stadtviertel Riedberg.
Artikel aus: Frankfurter Personenlexikon, verfasst von Heike Drummer.
Lexika:
Marion Beckers in: Dick/Sassenberg: Jüd. Frauen 1993, S. 70-72.
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Dictionnaire des Photographes, o. S.
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Koetzle: Fotografen A-Z 2011, S. 38.
Literatur:
Martha Caspers in: AFGK 75 (2016): Akteure des Neuen Fft., S. 86f.
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Linnemann, Dorothee: Zeichnungen aus dem Exil. Die Fotografin Ilse Bing anders gesehen. In: Aura 2023/24, S. 41.
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Barrett: Ilse Bing. Three Decades of Photography 1985.
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Stam, Mart/Moser, Werner: Das Altersheim der Henry und Emma Budge-Stiftung in Ffm. In: Das Neue Fft. 4 (1930), H. 7 (Juli), S. 158-176 (mit Fotografien von Ilse Bing).
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Dryansky/Houk: Ilse Bing. Photography Through the Looking Glass 2006.
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Bing, Ilse: Leben und Fotografieren in Text und Kontext. In: Gramatzki/Kroll (Hg.): Keine Bilder ohne Worte 2021, S. 190-196.
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Kroll, Renate: Ilse Bing (1899-1998): „Objekte wie Blumen pflücken“. In: Gramatzki/Kroll (Hg.): Keine Bilder ohne Worte 2021, S. 197-205.
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Hörner: Scharfsichtige Frauen 2010, S. 62-75.
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Ilse Bing. Femmes de l’enfance à la vieillesse 1982.
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Kat. Ilse Bing. Fotografien 1996.
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Kat. Ilse Bing. Paris 1987.
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Tröger, Annemarie: Zwischen Kunst und Zeitungsmarkt. Ein Ausschnitt aus dem Leben der Fotografin Ilse Bing. In: Kerbs u. a. (Hg.): Die Gleichschaltung der Bilder 1983, S. 91f.
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Klemp u. a.: Moderne am Main 2019, S. 254f., 296.
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Koelbl: Jüd. Portraits 1989, S. 25-27.
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Koetzle (Hg.): 100 Jahre Leica 2014, S. 531.
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Modellieren mit Licht. Ein Gespräch mit Ilse Bing. In: Photographie 13 (1989), H. 9, S. 82f.
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Stöneberg, Michael: Durch Mattscheibe und Sucher. Die Fotografinnen und Fotografen des Neuen Fft. In: Quiring u. a. (Hg.): Ernst May 2011, S. 85f.
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Wenzel/Kößling/Backhaus (Hg.): Jüd. Fft. 2020, S. 210.
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Wettengl: Ilse Bing, Marta Hoepffner, Abisag Tüllmann 1995.
Quellen:
Bundesarchiv Koblenz, Sign. N 1177/43 (Nachlass Elisabeth Schwarzhaupt, Korrespondenz mit Ilse Bing).
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Dt. Exilarchiv 1933-1945 d. DNB, Akten des Emergency Rescue Committee, New York, Sign. EB 73/021.
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Film: Drei Fotografinnen: Ilse Bing, Grete Stern, Ellen Auerbach. Drei Filmporträts von Antonia Lerch, 165 Min., Deutschland 1993 (als DVD 2007).
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Meldung zum Tod von Ilse Bing in: FR, 17. 3. 1998.
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Michels, Claudia: Paris und der Apfelwein. [Zur Ausstellung „Ilse Bing, Reportagen, Fft. 1929“ in der Galerie Braubachfive, Ffm.] In: FR, 12. 5. 2010.
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Plakat zur Ausstellung „Ilse Bing – Retrospektive Fotografien“ im Ffter Kunstverein, 17. 6. -19. 7. 1987: ISG, S9 Nr. 1987-170.
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Heiratsurkunde der Eltern: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Heiratsbuch, Bestand STA 11/227: Standesamt Ffm. I, Heiratsurkunde 1896/I/182 (Bd. 1, Bl. 182) vom 7. 2. 1896.
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Geburtsurkunde der Mutter Johanna Elly Katz, geb. am 8. 3. 1873 in Ffm.: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Tauf-/Geburtsbuch, Bestand STA 10/57: Standesamt Ffm., Geburtsregister 1873, Bd. 1, S. 389, Nr. 729 (mit Randvermerken zu Heirat und Tod).
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Sterbeurkunde des Vaters Ludwig Bing, gest. am 14. 8. 1926 in Ffm.: ISG, Kirchen- bzw. Standesbücher: Toten-/Sterbebuch, Bestand STA 12/671: Standesamt Ffm. I, Sterbeurkunde 1926/I/842 (Bd. 2, S. 244).
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Meldekarte der Eltern in: ISG, Nullkartei.
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ISG, S2/10. 318.
Internet:
FotografenWiki, 24.7.2024.
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Wikipedia, 2.5.2020.
GND: 118926888 ( Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek ).
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Empfohlene Zitierweise: Drummer, Heike: Bing, Ilse. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/3267.
Stand des Artikels: 7.5.2020
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 05.2020
Monatslieferung: Neuerscheinungen vom 10. Mai 2020.