Raphael Weichbrodt
Fotografie (um 1936).
Bildquelle: ISG, Nachlass Raphael Weichbrodt im Familiennachlass Quint, S1/150, Nr. 529-1.
© unbekannt. Der/die Fotograf/-in ist auf dem als Vorlage dienenden Originalfoto nicht genannt. Die Bildvorlage trägt auch keine anderen Copyrightangaben.
Weichbrodt, Raphael. Prof. Dr. med. Psychiater und Neurologe. Fachschriftsteller.
* 21.9.1886 Labischin an der Netze/Provinz Posen, † 31.5.1942 KZ Mauthausen.
Aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie.
1906 Abitur am Gymnasium Bromberg. Studium der Medizin in Heidelberg, Berlin, Freiburg und München. 1912 Approbation und Promotion („Die gebräuchlichsten Methoden zur Wertbestimmung der Digitalis mit besonderer Berücksichtigung der Fockeschen Methode”, Med. Diss., Berlin 1912) in München. Nach ersten Assistentenjahren in Berlin kam W. 1915 als Assistenzarzt an die städtische Anstalt für Irre und Epileptische, die spätere Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke (Universitäts-Nervenklinik), nach Ffm., wo er bis zum 31.12.1925 tätig blieb. Daneben bis 1918 Arzt am Vereinslazarett 128 in Ffm. 1920 Habilitation („Die Therapie der Paralyse”, Habil., erschienen in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin u. a. 1920) und Venia Legendi im Fach Psychiatrie und Neurologie in Ffm. Seit 1921 Privatdozent, seit 1926 außerordentlicher Professor an der Ffter Universität. 1925/26 Niederlassung als Facharzt für Nervenkrankheiten und Psychiatrie in Ffm. Tätig vor allem als ärztlicher Gutachter, u. a. für Versicherungen und Verbände. Seit 1932 Leiter des Chemisch-serologischen Laboratoriums der Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke. 1933 wurde W. als „Nichtarier” die Lehrbefugnis für die Universität aufgrund des Berufsbeamtengesetzes entzogen. In den folgenden Jahren, nachdem er auch seine Praxis und die Gutachtertätigkeit nicht mehr fortsetzen konnte, widmete er sich intensiv der fachschriftstellerischen Arbeit. Mit dieser Tätigkeit, die ihm aufgrund der Einschränkungen durch das NS-Regime kaum Einnahmen brachte, konnte der von Geburt an schwer gehbehinderte W. jedoch nicht den Familienunterhalt bestreiten, weshalb er auf die Hilfe seiner Eltern und insbesondere seines Freundes, des Journalisten Oscar Quint, angewiesen war. Intensive Bemühungen um eine Emigration in die USA, die W. noch bis 1939/40 unternahm, scheiterten trotz des breiten (finanziellen) Einsatzes ehemaliger Studenten für ihren Lehrer. Lt. den überlieferten Deportationslisten wurde W. im Mai 1942 (möglicherweise mit dem Transport am 24.5.1942) von Ffm. „nach dem Osten“, angeblich mit dem Ziel Groß-Rosen/Niederschlesien, deportiert. In der Zugangsliste des Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich ist jedoch verzeichnet, dass W. am 30.5.1942 dort eintraf, wo er lt. dem Eintrag im Totenbuch am folgenden Tag starb, angeblich an „Herzversagen“. Da W. offenbar im Nebenlager Gusen des KZs Mauthausen starb, könnte die Angabe in den Deportationslisten auf einem Schreib- bzw. Lesefehler unter Verwechslung von „Gusen“ und „Groß-Rosen“ beruhen.
Bereits seit 1916 hatte W. zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht; außerdem war er Mitherausgeber des „Handbuchs der ärztlichen Begutachtung” (2 Bände, 1931) und Mitarbeiter des „Handbuchs der gesamten Unfallheilkunde” (wahrsch. in der von Fritz König/Georg Magnus herausgebrachten Ausgabe, 4 Bde., 1932-34). Seine in der erzwungenen Isolation vollendeten Monographien „Der Selbstmord” (1937) und „Der Versicherungsbetrug” (1940) konnte er noch in der Schweiz publizieren, während sein Manuskript „Eifersucht” nur im Nachlass überliefert ist und eine Arbeit über „Geniales Schaffen und Seelenstörung” als verschollen gilt.
W. war verheiratet (seit 1919) mit Meta W., geb. Markus (1895-1932). Aus der Ehe stammten zwei Töchter, Ruth (später verh. Josel, * 1920) und Dorrit (* 1921). Während Ruth W. 1938 in die USA emigrieren konnte und später in Sao Paulo (Brasilien) lebte, blieb die jüngere Tochter Dorrit beim Vater in Ffm., wo sie zunächst als Sekretärin beim Palästina-Amt (1937-41), dann als Schülerin in der Röntenabteilung des Jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße arbeitete (bis 24.7.1941); sie soll mit oder kurz nach dem Vater 1942 aus Ffm. deportiert worden sein. An Raphael und Dorrit W. erinnern in Ffm. eine Gedenktafel auf der Grabstätte der Ehefrau bzw. Mutter Meta W., geb. Markus, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, Namensblöcke im Namenfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz und seit 17.10.2014 Stolpersteine vor ihrer Wohnadresse (ca. 1926-40) in der Mainzer Landstraße 23 (eigentlich 21).
1941 hat W. wichtige Dokumente, Briefe und Manuskripte zur Aufbewahrung an Oscar Quint übergeben, die als W.s Nachlass innerhalb des Familiennachlasses Quint im ISG erhalten sind.
Die „W.’sche Sublimatreaktion“, ein früher gängiges Diagnoseverfahren zum Nachweis von Immunglobulinen in der Hirnflüssigkeit bei entzündlichen Erkrankungen des Hirngewebes und der Hirnhäute, wurde nach W. benannt.
1906 Abitur am Gymnasium Bromberg. Studium der Medizin in Heidelberg, Berlin, Freiburg und München. 1912 Approbation und Promotion („Die gebräuchlichsten Methoden zur Wertbestimmung der Digitalis mit besonderer Berücksichtigung der Fockeschen Methode”, Med. Diss., Berlin 1912) in München. Nach ersten Assistentenjahren in Berlin kam W. 1915 als Assistenzarzt an die städtische Anstalt für Irre und Epileptische, die spätere Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke (Universitäts-Nervenklinik), nach Ffm., wo er bis zum 31.12.1925 tätig blieb. Daneben bis 1918 Arzt am Vereinslazarett 128 in Ffm. 1920 Habilitation („Die Therapie der Paralyse”, Habil., erschienen in: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, Berlin u. a. 1920) und Venia Legendi im Fach Psychiatrie und Neurologie in Ffm. Seit 1921 Privatdozent, seit 1926 außerordentlicher Professor an der Ffter Universität. 1925/26 Niederlassung als Facharzt für Nervenkrankheiten und Psychiatrie in Ffm. Tätig vor allem als ärztlicher Gutachter, u. a. für Versicherungen und Verbände. Seit 1932 Leiter des Chemisch-serologischen Laboratoriums der Universitätsklinik für Gemüts- und Nervenkranke. 1933 wurde W. als „Nichtarier” die Lehrbefugnis für die Universität aufgrund des Berufsbeamtengesetzes entzogen. In den folgenden Jahren, nachdem er auch seine Praxis und die Gutachtertätigkeit nicht mehr fortsetzen konnte, widmete er sich intensiv der fachschriftstellerischen Arbeit. Mit dieser Tätigkeit, die ihm aufgrund der Einschränkungen durch das NS-Regime kaum Einnahmen brachte, konnte der von Geburt an schwer gehbehinderte W. jedoch nicht den Familienunterhalt bestreiten, weshalb er auf die Hilfe seiner Eltern und insbesondere seines Freundes, des Journalisten Oscar Quint, angewiesen war. Intensive Bemühungen um eine Emigration in die USA, die W. noch bis 1939/40 unternahm, scheiterten trotz des breiten (finanziellen) Einsatzes ehemaliger Studenten für ihren Lehrer. Lt. den überlieferten Deportationslisten wurde W. im Mai 1942 (möglicherweise mit dem Transport am 24.5.1942) von Ffm. „nach dem Osten“, angeblich mit dem Ziel Groß-Rosen/Niederschlesien, deportiert. In der Zugangsliste des Konzentrationslagers Mauthausen in Österreich ist jedoch verzeichnet, dass W. am 30.5.1942 dort eintraf, wo er lt. dem Eintrag im Totenbuch am folgenden Tag starb, angeblich an „Herzversagen“. Da W. offenbar im Nebenlager Gusen des KZs Mauthausen starb, könnte die Angabe in den Deportationslisten auf einem Schreib- bzw. Lesefehler unter Verwechslung von „Gusen“ und „Groß-Rosen“ beruhen.
Bereits seit 1916 hatte W. zahlreiche Aufsätze in Fachzeitschriften veröffentlicht; außerdem war er Mitherausgeber des „Handbuchs der ärztlichen Begutachtung” (2 Bände, 1931) und Mitarbeiter des „Handbuchs der gesamten Unfallheilkunde” (wahrsch. in der von Fritz König/Georg Magnus herausgebrachten Ausgabe, 4 Bde., 1932-34). Seine in der erzwungenen Isolation vollendeten Monographien „Der Selbstmord” (1937) und „Der Versicherungsbetrug” (1940) konnte er noch in der Schweiz publizieren, während sein Manuskript „Eifersucht” nur im Nachlass überliefert ist und eine Arbeit über „Geniales Schaffen und Seelenstörung” als verschollen gilt.
W. war verheiratet (seit 1919) mit Meta W., geb. Markus (1895-1932). Aus der Ehe stammten zwei Töchter, Ruth (später verh. Josel, * 1920) und Dorrit (* 1921). Während Ruth W. 1938 in die USA emigrieren konnte und später in Sao Paulo (Brasilien) lebte, blieb die jüngere Tochter Dorrit beim Vater in Ffm., wo sie zunächst als Sekretärin beim Palästina-Amt (1937-41), dann als Schülerin in der Röntenabteilung des Jüdischen Krankenhauses in der Gagernstraße arbeitete (bis 24.7.1941); sie soll mit oder kurz nach dem Vater 1942 aus Ffm. deportiert worden sein. An Raphael und Dorrit W. erinnern in Ffm. eine Gedenktafel auf der Grabstätte der Ehefrau bzw. Mutter Meta W., geb. Markus, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof, Namensblöcke im Namenfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz und seit 17.10.2014 Stolpersteine vor ihrer Wohnadresse (ca. 1926-40) in der Mainzer Landstraße 23 (eigentlich 21).
1941 hat W. wichtige Dokumente, Briefe und Manuskripte zur Aufbewahrung an Oscar Quint übergeben, die als W.s Nachlass innerhalb des Familiennachlasses Quint im ISG erhalten sind.
Die „W.’sche Sublimatreaktion“, ein früher gängiges Diagnoseverfahren zum Nachweis von Immunglobulinen in der Hirnflüssigkeit bei entzündlichen Erkrankungen des Hirngewebes und der Hirnhäute, wurde nach W. benannt.
Artikel aus: Frankfurter Biographie 2 (1996), S. 538, verfasst von: Sabine Hock (überarbeitete Onlinefassung für das Frankfurter Personenlexikon von Sabine Hock).
Lexika:
Bergmann: Ffter Gelehrten-Hdb. 1930, S. 155.
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DBE, 2. Aufl., Bd. 10 (2008), S. 471.
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Kallmorgen, S. 444.
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Kürschner: Gel. 1931, Sp. 3199.
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Walk, S. 380.
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Wininger 7 (1936), S. 487.
Literatur:
Arnsberg: Gesch. d. Ffter Juden 1983, Bd. II, S. 301.
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Diamant: Deportationsbuch 1984, S. 165.
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Drexler-Gormann: Jüd. Ärzte in Ffm. 2009, S. 35.
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Drexler/Kalinski/Mausbach: Ärztl. Schicksal 1990, S. 31.
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Heuer/Wolf (Hg.): Juden d. Ffter Univ. 1997, S. 382f.
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Kaznelson (Hg.): Juden im Dt. Kulturbereich 1959, S. 484.
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Lohfeld: Paula Tobias 2003, S. 190f., 212.
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Schäfer: Raphael Weichbrodt 1998.
Quellen:
ISG, PA 42. 622.
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Nachlass der Familie Quint: ISG, S1/150.
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ISG, S2/19. 489.
Internet:
Gedenkbuch für die Toten des KZ Mauthausen, 12.3.2018.
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Stolpersteine in Ffm., 7.2.2022.
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Wikipedia, 12.3.2018.
GND: 120399717 ( Eintrag der Deutschen Nationalbibliothek ).
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Empfohlene Zitierweise: Hock, Sabine: Weichbrodt, Raphael. In: Frankfurter Personenlexikon (Onlineausgabe), https://frankfurter-personenlexikon.de/node/1689.
Stand des Artikels: 16.3.2018
Erstmals erschienen in Monatslieferung: 03.2018
Monatslieferung: Neuerscheinungen vom 10. März 2018.